Ganzjahresfütterung – Nur Symptombehandlung oder nachhaltige Möglichkeit zur Bestandserhaltung?

Ein Beitrag von unserem User: Birdy (Ein Userbeitrag wird mit 30 Birdpunkten ausgezeichnet)

Intensiv wird seit einigen Jahren die Thematik der Ganzjahresfütterung diskutiert.

Das natürliche Nahrungsangebot der Wildvögel (z.B. Insekten)) hat sich in den letzten Jahrzehnten massiv reduziert. Eingriffe des Menschen allerorts (z.B. Intensive Landwirtschaft, Monokulturen, Einsatz von Pestiziden, das Anlegen gänzlich steriler Gärten und die Entfernung klassischer Wildkräuter aus denselben etc.)
haben dazu geführt, dass sich Vogelbestände stark reduziert haben. Die Aktivitäten des Menschen haben nun auch dazu geführt, dass auch abseits der Wintermonate nicht mehr genug Nahrung zur Verfügung steht.

Bild von Auraya
Bild von Auraya

Standpunkt: Eine Fütterung während der Brutperiode schadet den Jungtieren.

Hier nun sind zwei Szenarien vorzustellen.
1) Innerhalb eines Revieres findet sich nur durchschnittlich viel Nahrung und keine Ganzjahresfutterstelle. Die Brutvögel müssen somit eine weite Distanz zurückliegen, wodurch ihr eigener Grundverbrauch erhöht ist.
Dieses kann dazu führen, dass für die Jungvögel keine optimale Nahrungsmenge vorhanden ist, was sich durch ein vermindertes Wachstum oder den Tod von Individuen ausdrückt.

2) In Revier 2 findet sich durchschnittlich viel Nahrung und eine von Menschen regelmäßig befüllte Ganzjahresfutterstelle.
Nach wie vor muss für die Jungvögel natürliche Nahrung gesammelt werden, die Eigenernährung der Altvögel jedoch ist deutlich einfacher.
Diese sparen dadurch Zeit und Energie, welche in die Nahrungsversorgung der Jungtiere gesteckt wird.

Interessant ist auch die wissenschaftliche Erkenntnis, dass Altvögel nur dann von Menschen gereichtes Futter verfüttern, wenn sie keine natürliche Nahrung finden.
Dieses kann jedoch dennoch zu einem Problem für die Jungvögel werden, wenn die Eltern diese beispielswiese mit Erdnussbruch füttern (allerdings bestreitet mittlerweile der LBV dieses).
Bedenkt man jedoch die Alternative (Tod durch Verhungern), so fällt die Wahl hier sicherlich leicht. Prinzipiell ist hier jedoch mit Insekten angereichertes Futter zu empfehlen.

Argumente Pro Ganzjahresfütterung:

Das Futterangebot der hemischen Vögel sinkt massiv durch die Förderung von Monokulturen oder den Einsatz von Chemie (im Garten und in der Landwirtschaft).
Auch Zierpflanzen oder exotische Pflanzenbewohner bieten oftmals nicht die benötigte Nahrung an, welche die Vögel “kennen” und “brauchen”. Die aktuellen Rahmenbedingungen führen vielfach dazu, dass sich der Bestand von Vögeln verringert.

Argumente Contra Ganzjahresfütterung:

Vorsicht ist geboten, dass die Vögel hier wirklich nur eine Nahrungsmittelergänzung bekommen.
Angebotenes Fettfutter kann zu Krankheitsbeschwerden der Vögel führen; für Jungvögel sind zudem Insekten die richtige Nahrung, nicht aber unterschiedliche Körner.

Verbreitung von Krankheitserregern: Im Sommer kann es zum sogenannten Grünfinkensterben kommen, ausgelöst durch Trichomonaden (Einzeller) an den Futterplätzen.
Dieses gilt auch für Viren und Bakterien. Futterplätze sind also dringend regelmäßig (mindestens einmal die Woche) zu reinigen (mit Bürste und Heißwasser, keine chemischen Reinigungsmittel verwenden).

Fazit

Grundsätzlich ist eines Klar: Eine gute Nahrungsmittelversorgung darf dauerhaft nicht ausschließlich durch menschliche Zufüttern geschehen. Dieses sollte nur eine temporäre Hilfe (mehrere Jahre?) (da letztlich eine Symptombehandlung) darstellen. Grundsätzlich ist die natürliche Verbesserung der Lebensbedingungen anzustreben. Nur was, wenn rund um den eigenen Garten nur Monokulturen existieren und permanent Chemie eingesetzt wird?
Gegen eine Ganzjahresfütterung ist prinzipiell nichts einzuwänden, sofern sie (insbesondere im Frühjhar und Sommer) zielgerichtet, unter Verfütterung von Insekten, stattfindet und kein Fettfutterfraß fördert. Auch sind hygienische Rahmenbedingungen zwingend zu beachten bzw. zu fördern.
Prinzipiell existieren sehr kontrovers diskutierte Meinungen zu diesem Thema. Der NABU beispielsweise spricht sich gegen eine Ganzjahrsfütterung aus, weil von ihr nur wenige Arten profitieren würden. Dem jedoch widersprechen verschiedene Studien aus England. Aus Sicht des Autoren dieses Beitrags (Birdy) ist eine Ganzjahresfütterung leider mittlerweile zwingend notwendig; und sofern es kein radikales Umgestalten der “Umwelt” gibt, auch noch für viele viele Jahre.

4 Gedanken zu „Ganzjahresfütterung – Nur Symptombehandlung oder nachhaltige Möglichkeit zur Bestandserhaltung?

  1. Ich vertraue da auf die Expertise von Peter Berthold vom MPI, der sich seit Jahren vehement für die Ganzjahresfütterung einsetzt. Zu meiner persönlichen Beobachtung: Die Vögel holen sich am Futterhäuschen nur ihren zusätzlichen Bedarf und stellen keineswegs die Suche nach natürlichen Nahrungsquellen ein. Gerade zur Brutzeit ist der Energiebedarf der Piepmätze auch besonders hoch, so daß dann eine zuverlässige Quelle an Futter wichtig ist.

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